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Wiederbeginn des Philosophischen Lesekreises am 30.09.11
Montag, 19. September 2011

PHILOSOPHIE UND LITERATUR

 

Nach der Sommerpause beginnt nun wieder der Philosophische Lesekreis am 30. September um 1930 Uhr im Kreuzzentrum. In dieser Sitzungsperiode mit dem Thema: Philosophie und Literatur.

Was bedeuten uns heute (noch?) Werke von Philosophen, Dichtern und Literaten? Wesen und Wahrheit von Philosophie und Dichtung.

Dabei geht der Philosophische Lesekreis auch der Frage nach, ob Philosophen, Dichter und Literaten aufeinander zugehen oder ob sie sich gegenseitig der Bedeutungslosigkeit für die Erkenntnis des Ganzen von Welt und Dasein  überführen. Dazu schreibt Edgar Hederer: „Aber es genügt nicht, zu bewirken, dass der Dichter [Literat] seine Erschütterungskraft auf uns überträgt, uns zum Nachhall seiner Ergriffenheit macht. Wir begegnen im Gedicht [und in der Literatur] dem, was über den Dichter [Literaten] und [über] uns hinaus ist, und das will Antwort.“

Die Frage lautet also: Was ist Literatur und wie hängen Philosophie und Literatur zusammen?

Auf den ersten Blick glaubt man, ein in sich rundes, klar überschaubares, sich abzugrenzendes Thema vor sich zu haben. Die Mythen der griechischen Antike, die religiöse Keimzelle der griechischen Tragödie, das Gilgamesch Epos der Sumerer, die Psalmen Israels und Jahrhunderte später, die benediktinische Klosterkultur des sächsischen Kaiserreichs, wo Kultus und Kultur noch eins waren, ja selbst der verzweifelt um das Göttliche ringende Büchner mit seinem Aufschrei: „Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott“ belegen noch das tiefe Ineinandergreifen von Philosophie, Theologie und Literatur.

Doch dann kommt schnell das bestürzende Erwachen. Denn mit einem Male ist das Gerundete, Überschaubare und sicher Abgegrenzte dahin. Differenzierte und differenzierende Ausblicke öffnen sich und der feste Grund, auf dem man zu ruhen wähnte, gerät mächtig ins Wanken. Was ist Philosophie, so lautete zunächst unsere Frage. Was ist nun Dichtung und Wahrheit, Literatur und Theologie ist nun unsere nächste Frage. Wurde und wird im religiösen Raum der ganze Mensch ergriffen und in den Blick genommen von der Gewalt des Göttlichen, unterlag und unterliegt er hier gleichsam einem Zwange dieser als transzendentes Sein erkannten Macht. Sich selbst als Kreatur fühlend und in „schlechthinniger Abhängigkeit“, wie Schleiermacher es genannt hat, ein „Gefühl“, das dennoch gleichzeitig erhebt und beseligt, so war dieses religiöse Empfinden im Grunde für alle Einzelreligionen gleich, so sehr sie sich auch gegenseitig erbittert bekämpften mochten von ihrem Anspruch her, allein die als hier verbindlich erkannte Wahrheit zu besitzen. Theologie ist heute nun die „Lehre von Gott“, aber auf das Christentum bezogen  nicht mehr das allein, sondern zusätzlich die wissenschaftliche Lehre von den Glaubensinhalten dieses Christentums. Hatte zur Zeit der griechischen Klassik die „Theologie“ noch die Erzählungen der Dichter von den Göttern zum Inhalt gehabt, so bildete sich seit der Philosophenschule der Stoa immer stärker eine philosophisch bestimmte Theologie heraus, in der die alten Mythen bereits ein wissenschaftlich zu erörternder Stoff waren. Mit dem Apostel Paulus begann dann - diese philosophische Richtung aufgreifend - im Christentum die Bildung und die Verankerung religiöser Lehrbegriffe, aus denen sich dann im Laufe der Zeit ein festes System der Glaubenslehre entwickelte. Und in diesem System wurde der Begriff Theologie, der anfangs nur die Lehre von Gott gemeint hatte, immer stärker der Glaubenslehre zugeordnet.

Eine ausführliche Betrachtung und Wertung dieser geschichtlichen Entwicklung der Theologie von der Urgemeinde bis in die kerygmatische und entmythologiesierte Theologie unserer Tage muß nun den Theologen selbst vorbehalten bleiben. Vor der Breite der theologischen Richtungen und ihrer Auseinandersetzungen muß der Laie verzagen. Und dann steht man vor der neuen Frage: Wie ist das Verhältnis der Philosophie zu Literatur und Theologie? Und deshalb fragen wir uns also nun:

 

Was ist Literatur?

 

Der Literat Wolfgang Kayser (1906-1960) antwortet darauf: „Dem Wortlaut nach umfasst sie alles Sprachliche, das durch Schrift fixiert ist.“ Demgemäß sind also auch mathematische, juristische, … Texte und sogar auch ein Wörterbuch und Bedienungsanleitungen Literatur, obwohl alles das die Literatur wohl kaum berührt und in erster Linie anderen Wissenschaften angehört.

Dabei kennen wir viele Arten von Literatur, nämlich Mythen, Tragödien, Komödien (Dramen), Balladen, Novellen,  Epen, MärchenGleichnisse, Fabeln, Erzählungen, Romane, Biographien, Anthologien, Reden, Legenden, Aufsätze, Essays, Prologe, Epiloge, Psalmen, Gebete, Gedichte, Verse, Sentenzen und Lieder, und weitere mehr als Gegenstände der Literatur-(Wissenschaft).

Und als relevante „Objekte“ für philosophische, theologische Betrachtungen sind sie ein begrenztes Gebiet im großen Rahmen der Literatur. Wissenschaftlich gesehen allerdings, bestimmt erst das 18. Jahrhundert diesen inneren Raum der Literatur. Und seine Bewohner und Gestalter sind die Poeten, die in Versen Poesie schreiben. Doch schon im 16. Jhd. n. Chr. verlor der Vers seine überragende Bedeutung als Kriterium für Dichtung. Die künstlerisch geformte Prosa tritt - vor allem seit der Romantik -  gleichwertig neben ihn. Literarische Sprache hohen Ranges wird nun immer deutlicher als entscheidendes Merkmal angesehen, um diesen Kernraum der Literatur von dem allgemeinen Begriff der Literatur abzusetzen. Der auch heute noch überwiegend gebrauchte Begriff für diesen Bezirk lautet „Schöne Literatur“. Sind schon die Grenzen hier schwer zu ziehen, was noch zur schönen Literatur gezählt wird und was nicht - unterschiedliche Wertungen zur gleichen Zeit am gleichen Objekt beweisen hinreichend dieses Dilemma -, so wird es noch schwieriger, innerhalb der Literatur deren Gipfel zu bestimmen, eben die Dichtung. Hier bescheidet man sich heute schon gern, verzichtet auf das Wort Dichtung und stellt über den Begriff  Schöne Literatur“ den Begriff „Große Literatur“. Man überlässt es gleichsam den kommenden Jahrzehnten und Generationen, ob aus „Großer Literatur“ dann irgendwann „Dichtung“ wird.

So sollte man auf diesem Sektor der Literatur das Aufeinanderzugehen der Philosophen, Theologen und Literaten erwarten können. Es sollte hier also ein gegenseitiges Begreifen und Durchdringen gefunden werden können.

Ein erstes Aufeinandertreffen von Philosophie, Theologie und Literatur fand schon im 2. Jhd. n. Chr. statt. Hier ging es für die Apologeten dieser Zeit darum, das Selbstverständnis der jungen Kirche gegenüber der antiken Weisheit und Kultur zu finden und zu behaupten. Schon diese Formulierung verrät, dass es sich hier mehr um die Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie handelte als um eine kritische Betrachtung und Wertung antiker Literatur schlechthin. Die Gegensätze von Bibel und Antike, von griechisch-römischer Diesseitsethik und christlicher Jenseitsethik standen noch zu schroff gegeneinander, als dass zu diesem Zeitpunkt ein gegenseitiges Verstehen überhaupt möglich gewesen wäre.

Unbefangener schon standen im vierten Jahrhundert die drei großen Kappadokier Basilios von Cäsarear, Gregor von Nazianz und dessen Bruder Gregor von Nyssa dem antiken Kulturgut gegenüber. Schönstes Beispiel ist dafür wohl die kleine Schrift des Basilios: „Rede an die Jugend, wie sie der griechischen Wissenschaft nützen soll.“. Sicherlich weißt auch hier das christlich asketische Verhältnis zur Welt der antiken Bildung ein dienendes Verhältnis zu. Letztes Ziel der Bildung konnte für den Christen nicht mehr das Wissen um die Welt, sondern nur das Wissen um das SUMMUM BONUM, das alles umfassende Gut, um Gott also sein. Aber immerhin wird in dieser Rede ein christlicher Humanismussichtbar, der ein Ansatzpunkt hätte sein können für eine objektive Würdigung der antiken Literatur.

Aber schon Ende des gleichen Jahrhunderts legten die Kirchenväter unter Führung des heiligen Hieronymus ein für die Zukunft der theologischen Literaturbetrachtung wichtige Unterscheidung fest. Diese trennte alles Geschriebene in „Literatura“ - heidnisch antikes Schrifttum - und „Scriptura“ - also das biblisch bestimmte, christliche Sprachgut.

Darin wurde das antike Weltwissen in den Klöstern der Benediktiner sorgfältig gesammelt und sorgsam weitergereicht; im 6. Jahrhundert durch Cassiodor in Italien, im 7. Jahrhundert durch Isidor in Spanien, im 8. Jahrhundert durch Beda in England. Von dort kam es dann im Reisegepäck der Angelachsen Bonifatius und Alkuin in unserem Sprachraum an, wo dann Rhaban und Notker das Bildungsschema „septem artium liberalium“ für die Klosterschulen in Deutschland übernahmen, aber doch auch mehr als Fundament und stützende Säule für das „Dach der Weisheit“, für die Theologiealso.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass bereits im zwölften Jahrhundert Hugo von St. Viktor bei aller Liebe zu den weltlichen Wissenschaften diese unterteilte in scholastisch gewertete Bücher der Philosophie und die „Appendentia“, eben alles andere, was letzten Endes jedoch überflüssig ist. Zu diesen „Appendentia“ gehörte auch alles, was wir unter dem Namen „Poesie“ zu verstehen pflegen. Und selbstverständlich sahen auch die großen Scholastiker, Albertus magnus und sein noch bedeutenderer Schüler Thomas von Aquin - letzterer in seiner „Summa Theologica“ - die Poesie in dieser gleichsam vorprogrammierten Sicht.

Bei der nicht hoch genug einzuschätzenden Bedeutung der Scholastik für die (katholische?) Theologie war damit ihr Verhältnis zur Poesie und Literatur für lange Zeit festgelegt.

Als dann die Aufklärung seit Kant immer stärker die Literatur bestimmte, wandte sich die Theologie noch entschiedener von der „Schönen Literatur“ ab. Genau so entschieden wandte sich nun aber auch die Literatur von der Theologie ab, deren Verbindlichkeitsanspruch, allein Träger der Offenbarung zu sein, sie nicht mehr anerkennen wollte.

So gingen und gehen Theologen und Literaten zwar aufeinander zu, aber nicht um sich zu finden, sondern um sich gegenseitig der Bedeutungslosigkeit für die Sinnerkenntnis des Seins zu überführen.

Keine Seite wollte den Anspruch der anderen im Hinblick auf die Erkenntnis der Wirklichkeit akzeptieren. Erst das zweite Vatikanische Konzil hat diese Frontstellung, zumindest für die Theologen, aufgebrochen. Der nun von der Kirche anerkannte Pluralismus der Welt eröffnet zum ersten mal für den Theologen die Möglichkeit, neben der theologisch fixierten Literatur, zu der die Theologen auch die so genannte „Christliche Literatur“ z.B. Gertrud von le Fort und Werner Bergengruen rechneten, auch die andere, die „Weltliche Literatur  im Selbstverständnis ihrer Autoren zu lesen und zu begreifen.

So bemühen sich zurzeit wohl die Theologen intensiver um Philosophie und Literatur als die Literaten um die Philosophie und Theologie. Wobei allerdings eine gewisse Abstufung zur Philosophie hin besteht. So läßt sich ein Lesen und Bewerten von „Großer Literatur“ um ihrer selbst willen erst sehr viel später wieder erkennen.

Dabei beschäftigen sich große deutsche Schriftsteller unserer Zeit wieder überraschend intensiv mit der Gottesfrage. So begibt sich Paul Konrad Kurz in seinem Buch „Gott in der modernen Literatur“ wieder  auf Spurensuche nach Gottesvorstellungen in der heutigen Literatur. Noch in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte Werner Ross auf einer Tagung zu „Kirche, Wirklichkeit und Kunst“ gefragt: „Wie kommt es, dass die Kirche als Glaubensgegenstand, als Sinngebungsinstitution, als Identifikationsmodell  so gut wie völlig aus der Literatur verschwunden ist? P.K. Kurz schreibt dazu in seinem Buch: „Oder müssen wir Gott - nach jahrhundertelangem theologischem Denken - neu in seine Unfassbarkeit, Unvorstellbarkeit, Unsagbarkeit, in sein Geheimnis entlassen, wir, sein oberstes, edelstes bewußtestes Geschöpf?

Literatur:

  1. Paul Konrad Kurz: Gott in der modernen Literatur; Kösel- Verlag 1996
  2. M. Schneider: Zur Frage nach Gott in der modernen Literatur; Edition Cardo, Bd.XLIII
  3. M. Schmid: Theologen der Gegenwart im Gespräch mit der modernen Literatur, Edition Cardo, Bd. XLIV

 

Letzte Aktualisierung ( Montag, 19. September 2011 )
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