| Gedanken zur Weihnachtsmeditation Josef Piepers |
| Freitag, 24. Dezember 2010 | |
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Gedanken zu Josef Piepers „Die größere Welt“ „Weihnachtliche Meditation über Gerechtigkeit und Friede“ Ein Leitartikel in der Weihnachtsausgabe von 1952 der Hamburger Wochenzeitschrift „Die Zeit“.
Die Aktualität und philosophische Bedenkung dieser Meditation für uns heutige Menschen. Wenn man sich in diesen Tagen des Advents und der Vorbereitung auf Weihnachten auf einen der vielen, vielleicht zu vielen, Weihnachtsmärkte begibt und dort die Menschen beobachtet, dann kommt einem bei aller freudiger Erwartung unweigerlich irgendwann die Frage auf: „Was feiern wir überhaupt an Weihnachten?“ Das klingt nach einer harmlos- selbstverständlichen Frage und man kommt dabei gar nicht leicht auf den Gedanken, dass es ein christliches Fest ist, welches bevorsteht und welches dann auch noch das Fest der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens genannt wird. Eher kann man durchaus den Eindruck gewinnen, es handle sich um eine Verkaufsveranstaltung, die mit allerlei lieblichen Gesang, Zierrat und Ornamentik vorbereitet werde und dass sich die Menschen dafür vielfach in Dauerstress begeben. J. Pieper beginnt nun seine Meditation mit einer Feststellung, die den philosophischen Kern der Bedenkung präzise trifft und sein philosophisches Anliegen ist dabei „Reinigung des Feldes und Durchschreiten des Vorhofs “: „Das schlechthin Vergangene kann nicht eigentlich gefeiert werden. Ein Festtag und ein Gedenktag: das ist nicht dasselbe. Zu einem wahren Fest gehört es, dass, was da begangen wird, auch das gegenwärtige Dasein wirklich betreffe und ihm Glanz und Erhöhung gebe – nicht in der bloßen historischen Reflexion, sondern kraft unmittelbarer, lebendiger Realität. Und auch dieses haben die Menschen seit je mitgedacht, wenn vom Feiern eines Festes die Rede ging: dass jene Bereicherung des Lebens übermenschlichen Ursprungs sei.“ Wenn also Weihnachten kein Gedenktag, Gedenken an die Geburt Christi, sondern ein wirklicher Festtag sein soll, dann stellt sich die obige Frage also deutlich drängender: Was feiern wir an Weihnachten wirklich? Und was musste über die zwei Jahrtausende hinweg bei uns Menschen präsent gehalten werden? Was musste in der Zeitform des Präsens, in der der Gegenwart also, gehalten werden, damit Weihnachten ein Fest werde, ein wirkliches Fest? Und Pieper schreibt weiter: „Wenn das nicht mehr erfahren wird, wenn gar eine solche Erfahrung unvollziehbar geworden ist - dann fällt, im gleichen Maße, die Möglichkeit, ein Fest zu feiern dahin; sie besteht einfach nicht mehr. Kein Anschein, mit wieviel Aufwand er auch zustande gebracht werde, ist stark genug, der Wucht dieses schlichten Sachverhalts standzuhalten. Die Schmückung der Stunde durch Lichterbäume und Hirtenlied, die schöne Erregung des Überraschens und Schenkens, die herzlichste Bereitschaft zur Freude, sogar die tiefere Entfachung helfender Menschlichkeit: all das reicht nicht dazu hin, einen Tag zu einem wirklichen Fest zu machen.“ Bei allem also auch an guten Taten, von welchen wir in diesen Tagen erfahren durch Zeitungen, Radio oder Fernsehen, auch solche Taten, die man möglicherweise selber tut, seien es solche für Menschen, die in ihrer schwierigen Lebenssituation eine Lebensmitteltafel aufsuchen müssen, um sich mit den wichtigsten Dingen der Lebensnotdurft zu versorgen, seien es solche für Kinder, die sich sehnlichst eine Familie wünschen oder seien es solche für Beziehungen, die gerade in diesen Tagen auf eine harte Probe gestellt werden oder gar zerbrechen, bei allen solchen wird „Bereitschaft zur Freude und Entfachung helfender Menschlichkeit“ geübt und erbracht und in vielen weiteren guten Taten und Spenden ebenso. Und das also reicht immer noch nicht zu einem wirklichen Fest? Nun will Pieper beileibe kein „Klagelied“ anstimmen, sondern wer „also [die Verhüllung von „Poesie“, „Brauchtum“, Gefühligkeit und Geschäft durchstoßend, überhaupt das Beiwerk des Sekundären, auch das sinnvolle und respektable und vielleicht gar unentbehrliche, hinter sich lassend] dem unvergangen - übermenschlichen Ereignis nachsinnt, durch welches allein Weihnachten zum Feste wird; wer also das ganz und gar unidyllische, in der innersten Zelle der Welt und der Menschengeschichte geschehene „Faktum“ bedenkt, welches hinter dem theologischen Fachwort „Inkarnation“ verborgen ist – der mag sich, wie Dante im purgatorio durch die gewalttätig und schmerzend zupackenden Fänge eines Engel–Adlers, überwältigt fühlen und ins Unzugängliche geschleudert; er gerät in den Sog des Unauslotbaren und Unausdenkbaren, ja des schlechthin Unwahrscheinlichen und Utopischen. Nur, dass es zugleich gerade das im höchsten Sinn Reale ist! Und wenn er dann aufblickt und zurückschaut, so zeigt es sich zudem, dass er gar nicht aus „unserer“ Welt hinaus, gar nicht in einen abgetrennten Bezirk des „Überweltlichen“ geraten ist. Es zeigt sich, dass es genau dieser unausmeßbare, unbegreifliche Raum ist, worin menschliches Dasein wirklich sich zuträgt, seit eh und je und also auch in dieser Weltstunde. Es kommt ihm das gleichfalls „Unwahrscheinliche“ dessen zu Gesicht, was eigentlich mit dem Menschen gemeint ist, was der Mensch sein könnte, auf was hin er entworfen und was er zu sein berufen ist.“ Unsere Frage also läßt sich gar nicht beantworten, ohne eine Vorstellung davon zu haben, was es mit dem Menschen an sich und mit der Berufung zum „Menschsein“ auf sich hat. Wenn man dann noch bedenkt, dass das „Menschsein“ durch das „Wort“ in die Welt kam und eben immer noch kommt, dann ahnt und begreift man, was mit diesem „unausmeßbare[n], unbegreifliche[n] Raum [gemeint] sein könne, worin menschliches Dasein wirklich sich zuträgt“. Und so kommt Pieper innerhalb dieses Daseinsraumes zur Gerechtigkeit unter den Menschen und fragt danach, über die Alltagsgerechtigkeit hinweg, „Auf Grund von was steht ihm, jederman, dies alles zu [Respektierung des Lebens, der persönlichen Unversehrtheit, Freiheit,…] und zwar so abdingbar [zu], dass jeder andere, der es ihm vorenthält, sich selber unvergleichlich mehr schadet als dem Partner?“. So wurde es auch schon in der griechischen Antike geschrieben, bei Sokrates nämlich: „Er [der Unrecht tuende] ist schlimmer dran als du, er ist bemitleidenswert, bejammernswert, weil er ungerecht ist.“ Gerechtigkeit ist also etwas Abgeleitetes, etwas Zweites und setzt damit etwas von ihr selbst Verschiedenes voraus, nämlich, dass da ein Jemand sei, dem etwas zusteht. Wenn man also keine Vorstellung vom „Jemand“, vom Menschen also, hat, dann kann man auch nicht beantworten, was und warum dem Menschen „etwas unabdingbar zusteht“. Deshalb reden die Alten vom Menschen als von einer „Person“, also von einem Wesen, welches um seiner eigenen Vollkommenheit willen existiert, um sein Heil und seiner Erfüllung wegen. Und dem Menschen steht etwas zu, weil hinter ihm eine aller menschlichen Verfügbarkeit entrückte Instanz steht, eben weil der Mensch von Gott als Person geschaffen ist, wie es ebenfalls die Alten sagten und das gibt dem Menschen seine unveräußerliche Würde. Diese ist schon in unserem Grundgesetz durch den Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar “ fest verankert. Und J. Pieper formuliert: „[W]enn nicht das Menschenwesen selbst in seiner überempirischen Unwahrscheinlichkeit gesehen wird, siedelnd in jener größeren Welt, deren wir uns an diesem heutigen Tage wieder einmal festlich versichern?“, dann verliert auch die Würde des Menschen ihre grundsätzliche Bedeutung, mit allen auch aktuellen Konsequenzen. Gerechtigkeit läßt sich nun nicht einfachhin vom Frieden trennen; Frieden der Menschen untereinander und miteinander. „Das notdürftige Sich-Vertragen, das bloße Zusammengehen, das bare Miteinander-Auskommen: schon dies sehr Schwierige, kaum Erwartbare möchte uns höchst erstrebenswert erscheinen, auch wenn von concordia, Einmütigkeit, Eintracht noch gar nicht gesprochen werden könnte. Und dennoch wäre selbst Eintracht noch immer nicht Friede [so sagen die Alten]“. Hier ist nun der Unterschied zu benennen zwischen Eintracht und Friede und das jeweilige Gegenteil, nämlich Zwietracht und Unfriede, machen den inneren Zusammenhang dieser Begriffspaare schon deutlich und J. Pieper beruft sich auf einen der „großen Magister der abendländischen Christenheit“, Thomas von Aquin nämlich, welcher sagt: „ der Friede schließe zwar die Eintracht in sich, nicht aber auch die Eintracht den Frieden, weil es möglich sei, dass die Menschen untereinander eins seien, ohne doch mit sich selber völlig eins zu sein. Erst wenn beides zusammenkomme, die inwendige Stimmigkeit der Menschen und die Übereinstimmung untereinander - erst dann sei „Friede“ im unabgeschwächten Sinn. Weil aber niemand mit sich selbst eins sein könne, wenn er nicht mit aller Kraft das Rechte wolle - denn kein Mensch vermöge sich ganz und gar, ohne irgendwelchen Widerstand und also ohne Zwietracht in der eigenen Brust, dem Unrecht zuzuwenden-, darum gebe es Frieden nur unter den „Guten“, während Eintracht auch im Bösen möglich sei.“ J. Pieper ist sich bewusst darüber, dass er in seiner Meditation ein Wunschbild zeichnet, ein weltfernes, unreales Bild, welches also auch heute noch äußerst aktuell ist, welches man daher auch nicht „eigentlich undenkbar nennen kann, [dass aber] noch um ein Unendliches zurückbleibt unter dem „Frieden Gottes“, von welchem das heilige Buch der Christenheit sagt, er übersteige alle Vernunft.“ Und er gibt eine Antwort darauf, warum er diese philosophische Frage nach dem Grundsätzlichen von (Weihnachts-)Fest, Gerechtigkeit und Frieden für so notwendig hält: „ Weil es, so scheint mir, von Zeit zu Zeit notwendig ist, dass der Mensch seine äußersten Möglichkeiten bedenke, das Äußerste also dessen, was er selber zu sein vermag. Immer wieder einmal zu „realisieren“, dass dieses Äußerste dennoch nicht blanke Utopie sei - eben hierin liegt der Sinn und die Chance der wirklichen Feste, am meisten aber dieses heutigen Tages, welcher besagt: des Menschen Möglichkeiten seien von wahrhaft göttlichem Maß.“ So wünsche ich Ihnen, verehrte Teilnehmer des Philosophischen Lesekreises und allen Lesern, ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest verbunden mit dem Wunsch für ein glückseliges Jahr 2011!
Gerhard Helmich Weihnachten 2010
Anbei die Zusammenfassung der letzten Sitzung vom 26.11.2010 und möchte Sie noch an den Termin unserer nächsten Sitzung, am 28. Januar 2011, erinnern. Die lebhafte und zum Teil auch konträre Diskussion folgte dem Gedanken, wo man denn „Muße“ antreffen könne. So kamen konkrete Situationen in der Diskussion zur Sprache, die auch einige äußere und innere Bedingungen mit enthalten für die Förderung und Entstehung von „Muße“. Wie etwa: · Muße und ihre „Verortung“ in „Andersorte“ · Muße, Freiheit, Gebet und Gnade · Muße, Dichtung, Kunst und Freiheit · Muße, Lesen und Freiheit · Muße, Würde und Freiheit Selbst im „Gefangensein“, also in der Unfreiheit des Menschen in inneren und äußeren Gegebenheiten und auch in äußersten Notzeiten gibt es offenbar „Muße“. Aber auch beim Besteigen eines Berges und bei der dann auf dem Gipfel ge-wonnenen Aussicht, wie auch bei einem Tänzchen in der Küche. G.H. |

